Pressemitteilung · Dienstag, 19. August 2008
Offener Brief an Ulla Jelpke
Es liegt uns fern, die Brüche in der Person des
Dr. Johannes Lepsius zukleistern zu wollen. Sie hätten Recht mit Ihrer
These, dass wir uns mit einer solchen Haltung selbst unglaubwürdig
machten. Auf der anderen Seite gibt es keinen Grund für die Armenier in
Deutschland, sich die Erinnerung an diesen großen Menschen zerstören zu
lassen. Wir halten ihn in Ehren als den Mann, der mit seinem
humanitären Lebenswerk unzähligen Landsleuten das Leben gerettet hat
und vor allem als den Mann, der den Genozid an den Armeniern gegen die
härteste kaiserliche Zensur in Europa öffentlich gemacht hat: Ohne ihn
würden Sie und würden wir heute - zumindest mit Ihnen und mit der
deutschen Öffentlichkeit - nicht mehr über diesen ersten Völkermord des
20. Jahrhunderts reden. Es hat viele Jahrzehnte gedauert, bis dieses
Verbrechen in das Gewissen der Welt eingedrungen ist. Und das hat ganz
viel mit der Person des Johannes Lepsius zu tun. Er war in dieser Frage
zu seiner Zeit mutiger als die meisten, auch linken, Politiker in all
den Jahrzehnten danach.
Es ist absolut richtig - wir stimmen Ihnen gern zu - wenn sie die Person Lepsius auch in ihren dunkleren Facetten zeichnen. Spätestens seit den verdienstvollen Recherchen von Wolfgang Gust wissen wir ja, dass es Manipulationen gegeben hat. Manches, nicht alles, ist sicher aus der Perspektive jener Zeit erklärbar. Leider haben Sie jedoch den Focus sehr einseitig gesetzt: Darin sehen wir die Diffamierung. Die historische Würdigung bleibt verzerrt.
Sie sagen vielleicht, wir sähen das mit einer armenischen Brille. Genau das ist unsere Aufgabe. Darüber hinaus glauben wir aber auch, dass die deutsche Sicht auf diese Person gut daran tut, die unzweifelhaften Verdienste des Johannes Lepsius nicht klein zu reden. Gerade unter Berücksichtigung der deutschen Teilhabe an drei Völkermorden der Neuzeit ist eine Besinnung auf die Personen wichtig, die sich zur Wehr gesetzt haben gegen die Einvernahme des ganzen Volkes in das System von Lüge und Verdrängung. Wenn Sie den Armeniern eine unkritische Lepsius-Verehrung unterstellen, scheint uns das unredlich. Allerdings scheuen wir uns nicht, die Verdienste des Mannes zu würdigen, dem wir viel verdanken.
Sie haben völlig recht, wenn Sie anmahnen, die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Völkermord an den Armeniern nicht allein auf die Person des Johannes Lepsius zu zentrieren. Aber niemand tut das, auch das Lepsius-Haus in Potsdam nicht. Uns scheint Ihre Sorge in dieser Frage nicht angemessen. Das Lepsius-Haus hat wichtige Aufgaben, es gibt im Zusammenhang mit dem Genozid von 1915 noch ein weites Feld für die historische Forschung, und das betrifft selbstverständlich auch den Forschungsgegenstand der Person Lepsius selbst.
Das Lepsius-Haus hat darüber hinaus eine weitere wesentliche Funktion, auf die Sie überhaupt nicht eingegangen sind: Öffentlichkeit herzustellen für die zentrale Themenstellung seiner Arbeit - den Völkermord an den Armeniern. Wir würden es sehr begrüßen, wenn unsere spontane Sorge unberechtigt wäre, dass Sie genau diese Art Öffentlichkeitsarbeit mit Ihrer Initiative erschweren wollten. Sie selbst mahnen in Ihrer Kleinen Anfrage Schritte der Versöhnung an. Dabei wissen Sie natürlich, dass Versöhnung allein auf der Basis von Anerkennung und Respekt funktioniert. Insofern hat das Lepsius-Haus eine unverzichtbare Aufgabe: aufklären, aufklären aufklären! Bis das Lügengespinst der politischen und militärischen türkischen Eliten in Ankara und der von ihnen gesteuerten türkischen Communities in Deutschland zusammen bricht. Dann erst kann ein aktiver Versöhnungsprozess in Gang kommen - der dann sicher auch im Potsdamer Lepsius-Haus eine angemessene Heimat finden wird.
Mit freundlichem Gruß
Zentralrat der Armenier in Deutschland
Sch. Owassapian, Vorsitzender
Es ist absolut richtig - wir stimmen Ihnen gern zu - wenn sie die Person Lepsius auch in ihren dunkleren Facetten zeichnen. Spätestens seit den verdienstvollen Recherchen von Wolfgang Gust wissen wir ja, dass es Manipulationen gegeben hat. Manches, nicht alles, ist sicher aus der Perspektive jener Zeit erklärbar. Leider haben Sie jedoch den Focus sehr einseitig gesetzt: Darin sehen wir die Diffamierung. Die historische Würdigung bleibt verzerrt.
Sie sagen vielleicht, wir sähen das mit einer armenischen Brille. Genau das ist unsere Aufgabe. Darüber hinaus glauben wir aber auch, dass die deutsche Sicht auf diese Person gut daran tut, die unzweifelhaften Verdienste des Johannes Lepsius nicht klein zu reden. Gerade unter Berücksichtigung der deutschen Teilhabe an drei Völkermorden der Neuzeit ist eine Besinnung auf die Personen wichtig, die sich zur Wehr gesetzt haben gegen die Einvernahme des ganzen Volkes in das System von Lüge und Verdrängung. Wenn Sie den Armeniern eine unkritische Lepsius-Verehrung unterstellen, scheint uns das unredlich. Allerdings scheuen wir uns nicht, die Verdienste des Mannes zu würdigen, dem wir viel verdanken.
Sie haben völlig recht, wenn Sie anmahnen, die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Völkermord an den Armeniern nicht allein auf die Person des Johannes Lepsius zu zentrieren. Aber niemand tut das, auch das Lepsius-Haus in Potsdam nicht. Uns scheint Ihre Sorge in dieser Frage nicht angemessen. Das Lepsius-Haus hat wichtige Aufgaben, es gibt im Zusammenhang mit dem Genozid von 1915 noch ein weites Feld für die historische Forschung, und das betrifft selbstverständlich auch den Forschungsgegenstand der Person Lepsius selbst.
Das Lepsius-Haus hat darüber hinaus eine weitere wesentliche Funktion, auf die Sie überhaupt nicht eingegangen sind: Öffentlichkeit herzustellen für die zentrale Themenstellung seiner Arbeit - den Völkermord an den Armeniern. Wir würden es sehr begrüßen, wenn unsere spontane Sorge unberechtigt wäre, dass Sie genau diese Art Öffentlichkeitsarbeit mit Ihrer Initiative erschweren wollten. Sie selbst mahnen in Ihrer Kleinen Anfrage Schritte der Versöhnung an. Dabei wissen Sie natürlich, dass Versöhnung allein auf der Basis von Anerkennung und Respekt funktioniert. Insofern hat das Lepsius-Haus eine unverzichtbare Aufgabe: aufklären, aufklären aufklären! Bis das Lügengespinst der politischen und militärischen türkischen Eliten in Ankara und der von ihnen gesteuerten türkischen Communities in Deutschland zusammen bricht. Dann erst kann ein aktiver Versöhnungsprozess in Gang kommen - der dann sicher auch im Potsdamer Lepsius-Haus eine angemessene Heimat finden wird.
Mit freundlichem Gruß
Zentralrat der Armenier in Deutschland
Sch. Owassapian, Vorsitzender