Peinliche Diffamierung von Johannes Lepsius durch DIE LINKE

Pressemitteilung · Freitag, 08. August 2008

Peinliche Diffamierung von Johannes Lepsius durch DIE LINKE

Die Fraktion DIE LINKE zeichnet in einer Kleinen Anfrage vom 7. Juli ein außerordentlich unbalanciertes, einseitig-negatives Bild von Dr. Johannes Lepsius (1858 - 1926), dem Helfer und Anwalt des armenischen Volkes in der Zeit der hamidischen Massaker und des Genozids im 1. Weltkieg. Dr. Lepsius wird hier vor allem als „rechtsgerichteter Antidemokrat", „Antisemit" und „Befürworter eines Großdeutschen Kaiserreichs" charakterisiert und diffamiert. Außerdem habe er eine „stark antitürkische" Einstellung gehabt. Natürlich handelt sich jemand, der an der Faktizität des Völkermords festhält und diesen gar als erster dokumentiert hat, den Vorwurf der den Völkermord bis heute leugnenden nationalistischen türkischen Regierungen ein, „anti-türkisch" zu sein.

Der Zentralrat der Armenier fürchtet, dass genau dies auch der substantielle Hintergrund der Kleinen Anfrage der LINKEN ist. Dennoch begrüßt der Zentralrat ausdrücklich, dass die Partei DIE LINKE in diesem Zusammenhang noch einmal rückhaltlos die Faktizität des Völkermords an den Armeniern anerkennt und die türkische Seite eindringlich ermahnt, ihre leugnende Haltung in dieser Frage endlich aufzugeben.

Tatsächlich ist Lepsius nicht in erster Linie politisch zu bewerten, sondern als eine international wirkende, große humanitäre Persönlichkeit zu charakterisieren. Für die Armenier jeder politischen Richtung in Deutschland ist er eine unikale, positive Ausnahmeerscheinung unter den Deutschen, da er im Vergleich zu den deutschen Politikern aller Couleur nicht nur geredet, sondern auch gehandelt hat. Sein Leben und Werk ist untrennbarer Bestandteil der armenischen Geschichte und des armenischen Schicksals, wie auch das armenische Schicksal unlöslich mit seinem Leben und Werk verbunden ist.

 

Das Lepsiushaus in Potsdam ist daher eine in jeder Hinsicht geeignete Stätte zum Gedächtnis des Lebens und Werkes von Johannes Lepsius, zum Gedächtnis der Opfer des Genozids sowie für entsprechende Forschungen und wissenschaftlich-kulturelle Öffentlichkeitsarbeit. Der Zentralrat der Armenier in Deutschland schätzt die vom Vorstand des Fördervereins LEPSIUSHAUS POTSDAM e.V. geleistete Arbeit hoch und empfiehlt dem deutschen Bundestag dessen weitere Unterstützung.

 

Wer sich mit Leben und Werk von Dr. Johannes Lepsius befasst hat, bemerkt schnell, dass in der Kleinen Anfrage die wichtigsten Elemente in Leben und Werk von Lepsius unter den Tisch gefallen sind und durch diese Auslassungen das gesamte Persönlichkeitsbild von Lepsius grob verzeichnet wird.

Nicht ein einziges Wort ist in der umfangreichen „Kleinen Anfrage" bei der Charakterisierung des Lebens und Werkes von Dr. Johannes Lepsius darüber zu lesen, dass er - im Unterschied zu allen deutschen Politikern und Publizisten - ein großes Armenierhilfswerk begründet und betrieben hat, welches über seinen Tod hinaus bis zum 2.Weltkrieg, anfänglich in der Türkei, in Bulgarien und im Nord-Iran, später in Syrien und im Libanon, mindestens 20.000 Armeniern und Armenierinnen, Deportierten, Flüchtlingen und Befreiten, das Überleben gesichert hat. Die wirkliche Zahl der durch das Lepsius-Hilfswerk Geretteten liegt wahrscheinlich noch wesentlich höher. Dieses von der deutschen Politik durch Jahrzehnte verdrängte Rettungswerk von Lepsius, welches in der Kleinen Anfrage der Fraktion DIE LINKE verschwiegen wird, ist eine der großen humanitären Aktionen des 19./20. Jahrhunderts. Das Hilfswerk von Lepsius hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich das armenische Volk nach dem Völkermord in der weltweiten Diaspora und in der armenischen Republik regenerieren konnte.

 

Kein Wort fällt peinlicherweise in der umfangreichen „Kleinen Anfrage" der Fraktion DIE LINKE darüber, dass sich der linke Sozialdemokrat Karl Liebknecht bei seiner „Kleinen Anfrage" im deutschen Reichstag Mitte Januar 1916, die sich auf die Verfolgung der Armenier durch den deutschen Bundesgenossen Türkei bezog, explizit auf die Materialien von Johannes Lepsius stützte.

 

Kein Wort fällt in der umfangreichen „Kleinen Anfrage" darüber, dass Lepsius im 1.Weltkrieg im neutralen und im ‚feindlichen' Ausland anlässlich der Armenier-Deportationen konspirativ gegen die Interessen der kaiserlich-deutschen Orientpolitik eine internationale publizistische Kampagne entfesselte, die zu einer Diffamierung seiner Person bei der kaiserlich-deutschen Regierung führte.

 

Kein Wort fällt in der umfangreichen „Kleinen Anfrage" darüber, dass Lepsius, der 1919 angeblich die deutsche Mitverantwortung am Armenier-Genozid vertuschte, bereits in derselben Zeit (gedruckt und publiziert in seiner Zeitschrift „Der Orient" 1920) klar von der „Mitschuld" Deutschlands sprach.

Kein Wort fällt in der umfangreichen „Kleinen Anfrage" darüber, dass der angebliche ‚Antisemit' Lepsius in entscheidenden Phasen und Aktivitäten seines Kampfes eng mit bedeutenden jüdischen Persönlichkeiten zusammenwirkte. Für die vertrauensvolle Zusammenarbeit des angeblichen „Antisemiten" Lepsius mit bedeutenden jüdischen Persönlichkeiten zur Rettung des armenischen Volkes soll hier lediglich der US-amerikanische deutsch-jüdische Botschafter Henry Morgenthau (senior) in Konstantinopel genannt werden. Lepsius arbeitete persönlich mit ihm bei der Eruierung der Fakten des Armenier-Genozids zusammen. Der Jude Henry Morgenthau hält in seinen berühmten Memoiren den angeblichen „Antisemiten" Lepsius für den einzigen akzeptablen Deutschen;

In der umfangreichen „Kleinen Anfrage" wird von einer angeblichen „stark antitürkischen Einstellung" von Johannes Lepsius gesprochen. Das ist prinzipiell falsch. Lepsius kämpfte nicht gegen die Türken, sondern gegen den in der osmanischen Türkei verübten Genozid. Er war also primär nicht „anti-türkisch" eingestellt, sondern „anti-genozidal". Er hatte in seinem berühmten Gespräch mit Enver Pascha am 10. August 1915 sogar noch versucht, mit den türkischen Machthabern zur Rettung der Armenier zusammenzuarbeiten. Da diese dazu nicht bereit waren, musste er sich daher in seinem historischen Kampf gegen den Völkermord auch gegen die verantwortlichen Machthaber in der Türkei richten.

 

Der angeblich ‚anti-türkische' Lepsius war sowohl zur Zusammenarbeit mit Türken bereit, die sich gegen die Verbrechen stellten, wie auch zur Hilfeleistung für Türken, die Hilfe benötigten. In dem Hospital des Lepsius-Armenierhilfswerks in Urfa wurden bewusst Patienten aller Nationalitäten und Religionen der osmanischen Türkei behandelt, darunter im Sinne der Versöhnung sogar Türken, die sich an den Armenier-Massakern beteiligt hatten.

 

 

Zentralrat der Armenier in Deutschland

Der Vorstand

Frankfurt am Main, 8.8.2008

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