Nachrichten · Dienstag, 24. März 2009
Reise in die Finsternis
Hrant Dink, der Junge aus dem Waisenhaus, der Journalist und Verleger hatte Unmögliches geleistet. Zumindest unter den Köpfen der Istanbuler Liberalen, die sich schon aus dem Schraubstock der türkischen Lebenslügen befreit hatten. Die Fronten begannen zu bröckeln, alte Parolen hohl zu klingen. Hrant Dink war charmant, einnehmend, überzeugend. Wahrscheinlich zu überzeugend. Hrant Dink ist tot. Erschossen im Januar 2007 vor dem Büro der zweisprachigen Wochenzeitung Agos, die er gegründet hatte.
Mordakte Hrant Dink ist ein starker Film. Im Persönlichen wie im Politischen. Eine Studie des Menschen Hrant Dink. Und eine Reise ins Herz der Türkei. Dahin, wo dieses Herz noch immer kalt und krank ist. Und dahin, wo mancher Heilung und Hoffnung sehen mag.
Die WDR/Arte-Koproduktion von Osman Okkan und Simone Sitte ist auch die Chronik eines angekündigten Todes. Ein 17-Jähriger hat von hinten drei Kugeln in Hrant Dinks Kopf und Nacken gejagt, aber, das zeigt der Film, der Staat war nicht unbeteiligt. Da gibt es den Brief der Polizei von Trabzon an die Kollegen in Istanbul, der die Tat bis ins Detail vorhersagt. Und keiner reagiert. Da sind die Gendarmen, die schon vor Verhaftung des Täters die Seriennummer der Waffe kennen.
Dieser Mord führt in die Untiefen des türkischen Staates, dorthin, wo selbstgerechte, mörderische Fanatiker sitzen, die sich für ausersehen halten, auch außerhalb des Gesetzes das Vaterland zu retten. Und die sich im Einklang mit einer Ideologie wissen, die in der Türkei noch immer Schulkindern eingebläut wird. Einer Ideologie, die den Staat über die Menschen stellt, das Anderssein und die Vielfalt fürchtet und die "Verunglimpfung des Türkentums" bestraft sehen will. "Solange wir die Finsternis nicht ändern, die aus Babies Mörder macht, solange werden wir diese Gesellschaft nicht ändern", klagte Hrant Dinks Witwe Rakel auf der Trauerfeier für ihren Mann.
Der Mord, die Niedertracht, die klammheimliche Genugtuung in nationalistischen Kreisen, die mächtigen Hintermänner - woher also kommt die Hoffnung, die durchscheint in dem Film? Da sind Hunderttausende, Türken, die nach dem Mord Istanbuls Straßen überschwemmten. "Wir sind alle Armenier, wir sind alle Hrant", hieß es auf ihren Schildern. Da sind die prominenten türkischen Intellektuellen, die sich mit einer Unterschriftenkampagne für die Massaker von 1915/16 entschuldigen. Undenkbar all das, noch vor kurzem. Da sind die aktuellen Bemühungen Ankaras um diplomatische Beziehungen mit den armenischen Nachbarn. Und da ist vor allem der seit ein paar Monaten laufende historische Prozess gegen Ergenekon - jene ultranationalistische Mordbande, deren Köpfe und Glieder in der Armee, in der Polizei, in der Justiz, in den Medien, in den Universitäten sitzen und die auch hinter dem Mord an Hrant Dink vermutet wird.
Es ist ein erster Versuch, das Krebsgeschwür herauszuschneiden. Der Ausgang ist offen. Hrant Dinks Anwälte klagen, der Prozess gegen seine Mörder diene auch der Vertuschung. In den Schulen werden noch immer Staat und Militär verherrlicht und Keime des Hasses gegen alle gesät, die anders sind. Die Mehrheit zieht noch immer das Vergessen der Erinnerung vor. Es ist noch ein langer Kampf. Hrant Dink fehlt.