„Der Prozess ist eine große Chance“

Nachrichten · Montag, 23. März 2009

„Der Prozess ist eine große Chance“

Interview mit Rakel Dink

Es sei „schwierig die Ungerechtigkeiten an den Armeniern über ein Jahrhundert und das Leben meines Mannes in so wenigen Minuten zusammenzufassen", sagt Rakel Dink, die Witwe des 2007 ermordeten Journalisten. Der Film sei gleichwohl gut gemacht, lobt sie.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Frau Dink, am Freitag wurde der Film „Mordakte Hrant Dink", nach der Uraufführung auf dem Nürnberger Filmfestival, auch Journalisten in der Türkei gezeigt. Wie waren die Reaktionen?

RAKEL DINK Die Presse hat sehr positiv reagiert. Alle waren fast begeistert darüber, dass das Gezeigte der Realität entsprach und dass Betroffene zu Wort kamen. Das ist in der Türkei sonst nicht üblich. Nachdem die türkische Presse den Film gesehen hat, kann man in der Türkei nicht mehr so tun, als hätte es das Leid der Armenier nicht gegeben. Das ist für mich eine Genugtuung.

Was empfinden Sie, wenn sie den Film sehen?

DINK Es bereitet mir immer noch viele Schmerzen. Es tut mir weh, wenn ich die Bilder kurz nach dem Attentat sehe. Wenn ich sehe, wie mein Mann da auf dem Boden liegt. Wenn ich höre wie meine Kinder von ihm erzählen und welche Schmerz sie dabei empfinden. Wenn ich den Rückblick auf das Leben meines Mannes sehe, denke ich auch, dass er alle erhaltene Preise auch verdient hat. Sein Leben bestand aus dem Einsatz für die Armenier. Er hat sich nicht aufgeopfert, aber er wurde zum Opfer.

Wie finden Sie den Film?

DINK Er ist gut gemacht. Er betont die richtigen Aussagen. Es ist schwierig die Ungerechtigkeiten an den Armeniern über ein Jahrhundert und das Leben meines Mannes in so wenigen Minuten zusammenzufassen. Das haben die Regisseure aber gut hinbekommen

Was kann der Film in der Türkei bewirken?

DINK Er dokumentiert das Gute, dass mein Mann bewirkt hat und auch das Unrecht, welches ihm und anderen widerfahren ist. Durch den Film werden die vielen Bestrebungen anderer Menschen gefördert, das Werk meines Mannes im Sinne einer Verständigung und eines offenen Dialogs ohne Vorurteile fortzusetzen. Und deshalb gibt der Film auch Hoffnung.

Was erwarten Sie hinsichtlich des Prozesses gegen die Mörder ihres Mannes?

DINK Ich befürchte, dass der Geist der Unterdrückung sich auch beim Prozess fortsetzen wird. Aber noch ist das Ende offen. Wir werden versuchen alle Kräfte zu mobilisieren, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Es ist bekannt, dass es Verbindungen zwischen den Mördern meines Mannes und der Organisation „Ergenekon" gibt. Und ich hoffe, dass diese auch im Prozess meines Mannes eine Rolle spielen werden. Die Menschen in der Türkei wissen, dass der Mord nicht lediglich das Werk von Jugendlichen war. Der Staat hat den Mord verursacht und der Staat muss ihn nun auch aufklären. Der Prozess ist eine große Chance der Selbstreinigung für die türkische Justiz. Aber auch für den türkischen Staat.