Nachrichten · Samstag, 15. November 2008
Der Teppichglobalisierer: Wie Pfarrer Lepsius nahöstliches Handwerk in den Harz importierte und später so Armenier rettete
MAZ: In Ihrem Vortrag auf Schloss Lindstedt werden Sie über die „Deutsche-Orient-Handels- und Industriegesellschaft“, kurz: Dohig, referieren. Das klingt geheimnisvoll; fast wie nach Sindbad, dem Seefahrer aus 1001 Nacht.
Hermann Goltz: Fliegende Zauberteppiche werden zwar keine Rolle spielen, auch wenn sich die Geschichte um Teppiche dreht. Dennoch hat die Geschichte der Dohig schon fast märchenhafte Dimensionen, als ein Beispiel gelungener Globalisierung vor über hundert Jahren. Allein ihre Gründung durch Johannes Lepsius hat schon beinahe romanhafte Züge.
Wer war dieser Johannes Lepsius eigentlich?
Goltz: Lepsius war der jüngste Sohn des Begründers der Ägyptologie in Deutschland. Er wuchs in einem Elternhaus mit weitem intellektuellen Horizont auf.
Und wie kam er dann zu so etwas Prosaischem wie der Teppich-Fertigung?
Goltz: Eigentlich begann alles mit Johannes Lepsius’ Aufenthalt in Jerusalem, wo er von 1884 bis ’86 als Lehrer und Pfarrer die deutsche Gemeinde betreute. Dort lernte er auch seine spätere Frau Margarethe kennen. Sie war als Kind deutscher Eltern in Nazareth aufgewachsen und kannte das lokale Handwerk wie die Teppichfertigung natürlich sehr gut. Später nahm Lepsius eine Pfarrstelle in der kleinen Harzgemeinde Friesdorf an. Er sah die große wirtschaftliche Not der Menschen und erinnerte sich an die orientalische Teppichherstellung. 1889 gründete er im Ort eine Teppichmanufaktur, wo er 40 Frauen Arbeit gab.
Und das war dann die Dohig?
Goltz: Nein. Denn die Geschichte geht ja noch weiter. 1895/96 erfuhr das Ehepaar Lepsius nämlich von den ersten riesigen Massakern an den Armeniern im osmanischen Reich. Damals wurden zwischen 200 000 und 300 000 Angehörige der Minderheit ermordet. Lepsius wollte helfen – also „exportierte“ er die Friesdorfer Teppichfabrik in den Orient, in die Stadt Urfa in Mesopotamien.
Aber waren die Orientalen nicht selbst begnadete Teppichknüpfer? Wozu brauchten sie da Aufbauhilfe aus Deutschland?
Goltz: Es ging ja in erster Linie um die technische Unterstützung der armenischen überlebenden Frauen und Mädchen, um Hilfe zur Selbsthilfe. Die Friesdorfer Fachleute brachten deutsche Maschinen, die per Schiff und Bahn ins osmanische Reich transportiert wurden. Die Armenierinnen wurden in die Arbeit an diesen eingewiesen.
Und wurde die Manufaktur dann ein Erfolg?
Goltz: Ja, ein großer. Über 1000 Menschen konnten sich in Urfa so ihren Lebensunterhalt verdienen. Teppiche wurden sogar nach Großbritannien oder in die Schweiz exportiert. Aber auch in Potsdamer Haushalten könnten sich möglicherweise noch solche Exemplare befinden, von deren Herkunft die jetzigen Besitzer vielleicht nichts ahnen.
Apropos Potsdam. Warum bezeichnen Sie in Ihrem Vortrag die Dohig eigentlich als „Brandenburger Unternehmen“?
Goltz: Bereits 1897 zog Lepsius von Friesdorf nach Berlin. Hier in Berlin wandelte er die Teppichfabrik Urfa in die Dohig um, eine internationale Aktiengesellschaft mit etwa 200 Aktionären. 1908 übersiedelte Lepsius dann nach Potsdam in die Große Weinmeisterstraße, so dass die Dohig im Orient von der Mark aus geleitet wurde. Hier in Potsdam entstanden auch seine bedeutenden Anklageschriften gegen den armenischen Völkermord durch die Türken, der während des ersten Weltkriegs über eine Million Opfer forderte.
Und wie ging es mit der Dohig weiter, die ihr Leitungsbüro ja unter anderem am heutigen Platz der Einheit hatte?
Goltz: Das Erstaunliche ist, dass sie auch nach den großen Armenier-Massakern weiterbestand. Überlebende aus Urfa, die nach Syrien oder in den Libanon geflüchtet waren, belebten die alte Teppichmanufaktur neu. Sie bestand bis 1934, in welchem Jahr der Sohn Alfred Lepsius die Dohig endgültig auflöste. Alfred Lepsius hat übrigens auch die Korrespondenz mit Franz Werfel geführt, der sich von Wien aus für seinen später weltweit erfolgreichen Armenier-Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ mit der Familie Lepsius in Verbindung gesetzt hatte.
Vortrag „Ein Brandenburger Unternehmen im Orient“ am 16. November ab 11 Uhr im Schloss Lindstedt.