Eskalation im Tur Abdin

Nachrichten · Donnerstag, 04. Dezember 2008

Eskalation im Tur Abdin

Das Kloster Mor Gabriel

Von Wolfgang Günter Lerch

Es begann im Sommer mit einem Streit um Land. Doch mittlerweile ist der Streit um das Kloster Mor Gabriel in der Nähe der Stadt Midyat in der Provinz Mardin im Tur Abdin in der Südosttürkei weiter eskaliert. Gegen den Erzbischof Timotheos Samuel Aktas selbst wurde, wie aus Midyat berichtet wird, von drei Bürgermeistern aus der Umgebung Anzeige erstattet. Dem Kloster war vorgeworfen worden, verbotenerweise bauliche Veränderungen vorgenommen, Teile abgerissen sowie auf muslimischen Gräbern gebaut zu haben. Mor Gabriel hatte Mauern errichtet, um die eigenen Äcker und Wälder zu schützen. Nun muss sich der Bischof sogar gegen den absurden Vorwurf wehren, das Kloster habe eine Moschee zerstört.

Das Kloster Mor Gabriel ist Zentrum der syrisch-orthodoxen Kirche im Gebiet des "Berges der Gottesknechte" - so die Übersetzung von Tur Abdin - und entstand schon im Jahre 397 nach Christus. Es ist eines der ältesten Klöster der Christenheit überhaupt. In dem Kloster leben 75 Mönche und Nonnen; ungefähr vierzig Schüler erhalten Unterricht in der Sprache Turoyo, die eine Abart des Syrisch-Aramäischen (Syriac) ist. Im Sommer hatten drei Dörfer in der Umgebung Anspruch auf den Boden erhoben, auf dem dieses uralte Symbol christlicher Kultur im Orient steht. Das Kloster habe zudem bei Umbauten und durch das Hochziehen von Mauern ihre Dorfgrenzen verletzt sowie hundert Hektar Wald und Weideland, das man für das eigene Vieh benötige, "okkupiert".

Ein erstes Urteil hatte zu einer Festlegung auf erst unlängst erstellte Kataster durch das zuständige Amt geführt, die dem Kloster allerdings zu einem gebietsmäßigen Nachteil gereichen. Das Kloster beruft sich auf seinen Status als Stiftung, auf die alten Eigentumstitel aus der osmanischen Zeit und auf Abmachungen mit den kurdischen Aghas in der Region nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch habe der Landrat vor Jahren dem Bau eines Hubschrauberlandeplatzes und eines Fußballfeldes für die Schüler zugestimmt, ohne dass die Bürgermeister dagegen jemals Einspruch erhoben hätten.

In den vergangenen Jahrzehnten hatte der größte Teil der Syrisch-Aramäisch sprechenden, christlichen Bevölkerung (Süryani) den Tur Abdin verlassen. Erst in jüngster Zeit hat eine Rückkehrbewegung eingesetzt, die auch zu einer Belebung des Klosters Mor Gabriel führte. Längst ist es wieder zu einem Pilgerort für die syrisch-orthodoxen Christen geworden. Unter den zehn Anklagepunkten, welche die Bürgermeister von Yayvantepe, Eglence und Çandarli jetzt dem Erzbischof vorhalten, ist besonders der dritte interessant: "Die Kirche ist aktiv bei der Ausführung von missionarischen Tätigkeiten mittels Kindern zwischen zehn und zwölf Jahren (damit sind offenkundig die Schüler gemeint), deren Herkunft unbekannt ist." Vieles spricht dafür, dass eher die christliche Erziehung als der Streit um bauliche Veränderungen der wirkliche Hintergrund dieser Ereignisse ist. Nationalisten und religiöse Eiferer lehnen ein christliches Engagement als angeblich "bedrohlich" für den türkischen Staat ab (99 Prozent aller Türken sind Muslime), der aber offiziell als laizistisch gilt. So mag dieses juristische Kesseltreiben gegen das Kloster eher politische als rechtliche Hintergründe haben... Am 19., 24. und 31. Dezember wird in der Sache weiter verhandelt werden. Es sieht so aus, als wollten sich die  Nachbarn mit Hilfe eines Strafprozesses den Grund und Boden Mor Gabriels (zumindest teilweise) aneignen. Angesichts der ohnehin üblen Situation der Christen und anderer Minderheiten in Teilen des irakisch-syrisch-türkischen Grenzgebietes kommt diesen Ereignissen eine zusätzliche politische Brisanz zu.