Nachrichten · Freitag, 24. April 2009
Die Türkei vergibt eine große Chance
Und trotzdem: Angesichts der Schatten der Vergangenheit über dem Verhältnis zwischen beiden Ländern sind auch Trippelschritte eine große Leistung - wenn denn die ausgestreckte Hand der Türkei einem echten Willen nach Aussöhnung entspricht. Wenn also nicht nackte Taktik dahintersteckt. Wenn der bange Blick auf den US-Präsidenten, den man auf diese Weise zu einem Verzicht auf das Wort "Völkermord" bewegen möchte, nicht das einzige Motiv ist. Tatsächlich ist der türkische Vorstoß auch Ausfluss einer Vision von einer neuen Außenpolitik. Das Land will eine Regionalmacht werden und überdies mit allen Nachbarn gut Freund sein. Jahrzehntelang war dies anders.
Allerdings weigert sich die Türkei mit ihrem verzweifelten Kampf gegen Völkermord-Resolutionen, die Realitäten anzuerkennen. Damit mag sie hier und da eine Schlacht gewinnen - den Krieg aber hat sie schon verloren. Denn wenn es Barack Obama an diesem Freitag nicht tut, dann wird es irgendwann ein anderer tun: Eines Tages wird ein US-Präsident die Massaker an Armeniern von 1915 als Völkermord bezeichnen. Und die Welt wird sich weiterdrehen, die Türkei wird nicht untergehen, und sie wird keine Territorien verlieren, wie vielfach befürchtet. Ankaras Angst vor Genozid-Resolutionen ist irrational - und kostet viel politisches Kapital. ttt
http://www.sueddeutsche.de/156384/521/2858979/Die-Tuerkei-vergibt-eine-…